Transplantation

Thomas und ich sind im April 1998 vier Jahre lang zusammen. Davon ging es mir eineinhalb bis zwei Jahre sehr schlecht. Ich musste mein Studium in München abbrechen und wieder zu Hause einziehen. Ich bekam zuerst nachts Sauerstoff, aber schon bald 24 Stunden am Tag. Mein Bewegungsradius und meine Möglichkeiten wurden immer geringer, und damit fingen unsere Probleme eigentlich an. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich sechs Stunden Therapie am Tag brauchte, um überhaupt Luft zu bekommen. Thomas war so zornig darüber, dass er aus lauter Wut einen Stuhl auf der Veranda zu Boden donnerte. Ich war fassungslos: Anstatt mich zu trösten, musste ich ihn trösten – obwohl mir selbst zum Heulen war. Schließlich musste ich diese sechs Stunden absolvieren und nicht er! Er hatte die Möglichkeit, sich von unserer Situation zu erholen und Abstand zu bekommen, indem er andere Sachen unternehmen konnte – ich jedoch nicht.

Ich war diejenige, die 24 Stunden in dem Körper steckte, der kaum Möglichkeiten zuließ. Ich konnte keinen “Urlaub” von meiner Krankheit machen, denn sie war viel zu gegenwärtig. Das lag einfach an meinem Krankheitsstadium. Aber damit Thomas mich weiterhin lieben und bei mir bleiben konnte, musste ich ihm eine gewisse “Freiheit” geben. Und das war mehr als schmerzlich für mich. Da Thomas nur am Wochenende da war (er hatte in Karlsruhe angefangen zu studieren), wartete ich mehr oder weniger die ganze Woche darauf, ihn wiederzusehen. Und oft saß ich trotzdem Freitag oder Samstag Abend zu Hause am Sauerstoff im Dunkeln, ohne ihn. Ich wusste, ich konnte nicht mehr in rauchige, überfüllte Lokale, die keine Luft zum Atmen gewähren; ich konnte nicht mehr tanzen und all die wundervollen Dinge tun – ich konnte von nun an nur noch zusehen. Aber nur, weil ich es nicht mehr konnte, durfte ich es ihm nicht verwehren. Denn er lebt ja auch nur einmal und ist nur einmal jung.

In dieser Zeit war ich sehr depressiv und auch oft zornig über seine “Ausflüge”, die eben notwendig waren. Ich hasste sie! Oft fühlte ich mich einsam und verlassen. Ich war neidisch auf all seine Möglichkeiten, auf seine Gesundheit! Manchmal, wenn die Enttäuschung und die Verzweiflung überhand nahmen in dieser schweren Zeit, spielte ich mit dem Gedanken, unsere Beziehung zu beenden, nur um endlich diesen seelischen Schmerz des Verzichts loszuwerden. Allerdings war Thomas fast immer für mich da, zum Beispiel wenn ich ins Krankenhaus musste – das waren unzählige Male -, und dafür war ich ihm sehr dankbar. Und die Liebe und die Hoffnung auf eine Transplantation ließen mich den Schmerz darüber, dass ich krank war und ihn ab und an loslassen musste, ertragen. Besonders bewusst wurde mir dies, als er nach Holland in Urlaub fuhr. Diese Woche war die schlimmste in meinem ganzen Leben. Ich hatte das Gefühl, ihn nie wiederzusehen.

Es ging mir sehr schlecht, und ich hatte plötzlich Angst, nachts allein zu sein. Ich bat meine Mutter, bei mir zu schlafen. Das war wohl auch berechtigt, denn ich hatte das Gefühl zu sterben. Und so kam eine Nacht, in der ich einfach spürte, dass es meine letzte werden sollte. Ich lag neben meiner Mutter und dachte über mein Leben nach. Ich hatte das Gefühl, mich immer weiter von meinem Körper zu entfernen, nur die Hand meiner Mutter machte mir bewusst, dass ich noch im Bett lag. Es war ein angenehmes Gefühl, aber ich ängstigte mich auch ungemein. Doch der Gedanke daran, endlich erlöst zu werden, war verlockend, mir war, als wäre ich taub. Plötzlich dachte ich an Thomas, ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht selber denken konnte, doch so war es wohl. Ich dachte an unsere Pläne, meine und unsere Wünsche, daran, wie sehr ich ihn doch liebte – mein Leben, unsere Zukunft konnte, durfte doch noch nicht vorbei sein! Rums – ich lag im Bett, die Möglichkeit zu sterben war vorbei – aber die Angst blieb!

Daraus resultierte, dass ich mich immer beherrschen musste, ihn nach Karlsruhe fahren zu lassen und kein Theater zu machen, da ich jedes mal riesige Angst hatte, ihn vielleicht nicht mehr wiederzusehen. Besonders schlimm wurde es, als ich einen Euro-Piepser für die Transplantation bekam. Eine wirklich nervenaufreibende Zeit. Für ihn, der sich ebenfalls ein scall zulegte, um auch Bescheid zu wissen, und für mich natürlich. Ganze Bücher gäbe es damit zu füllen. Nur soviel, Thomas war da, als es soweit war (nach drei Fehlversuchen), und das war eines der wichtigsten Dinge meines Lebens. Er begleitete mich nach Homburg im Krankenwagen, er wartete mit mir auf die Transplantation, er ging mit mir bis zum OP. Er sah elend aus, wie ein Häufchen Unglück ließ ich ihn zurück. Erst da merkte ich, dass ich ihn wohl genauso viel Kraft kostete wie er mich. Ich wusste auch nicht, ob Thomas es je verstand, dass die Dinge, die er für mich tat und organisierte, mir nicht alles, was immer wieder geschafft, mich zum Lachen zu bringen, und dafür liebte ich ihn – meinen Clown. Und seine romantische Geburtstagsüberraschung – das Badezimmer, bestreut mit Rosenblättern und voller aufgestellter Kerzen, mit einem großen Strauß roter Rosen und einem Schaumbad, bedeckt mit Rosenblättern, inklusive einem Frühstück in der Badewanne – gehört zu einem meiner schönsten Erlebnisse.

Inzwischen sind über 5 Jahre nach meiner Lungentransplantation vergangen, und wir leben zusammen in Karlsruhe in unserer gemeinsamen Wohnung. Es geht mir sehr gut, und ich habe jetzt auch 1001 Möglichkeiten, so wie Thomas. Ich gehe ins Fitnessstudio, ich gehe Tanzen, möchte mich für einen Flamenco-Tanzkurz anmelden und und und … Wir können spontan etwas unternehmen, und wir haben jetzt ganz stinknormale, für mich wunderbare “Probleme” – wer ist mit dem Abwasch dran, wer war das letzte Mal einkaufen … Vor allen Dingen kann ich auch für ihn jetzt einige Besorgungen machen, so wie er früher für mich – endlich auf der anderen Seite zu stehen und ein DANKE zu bekommen und nicht immer die Bittende sein zu müssen, ist für mich eine große Erlösung!

Patricia Trompeter, CF, lungentransplantiert